Wunden, die niemals heilen

Ein Bericht aus der Rotenburger Rundschau vom 30.03.2014:

Holocaust-Überlebende Esther Bejarano in Visselhövede – Von Andrea Zachrau

Visselhövede. Die Zeit heilt alle Wunden heißt es im Volksmund. Für die physischen mag das stimmen. Die psychischen Wunden aber bleiben für immer, wie Esther Bejaranos bewegende Geschichte zeigt. In der Visselhöveder Oberschule berichtete die 89-Jährige von ihrem Leben und Überleben als Jüdin in Nazi-Deutschland.

Mucksmäuschenstill war es in der Schulaula, als Bejarano auf der Bühne Platz nahm. Die Lesebrille zurecht gerückt, begann die Tochter jüdischer Eltern aus ihrem Leben zu erzählen. Oft ist es erheiternd, „Geschichten von früher“ zu hören. Das, was die Hamburgerin aber in leisen Worten berichtete, ließ die Zuhörer erschaudern.

Sie erzählte von ihrer Jugend in Saarbrücken, von ihrem Vater, der Lehrer und Kantor in der jüdischen Gemeinde war, und von dem Moment, in dem ihr klar wurde, dass sich ihr Leben für immer verändern würde. 18 Jahre alt war sie – gerade genauso alt wie die vielen Zuhörer, die ihr jetzt, mehr als 70 Jahre später in der Aula lauschten – als sie vom rettenden Vorbereitungslager, in dem sie auf die Auswanderung nach Palästina gewartet hatte, in einen Viehwagen steigen musste. Der brachte sie an einen Ort, den kaum ein Mensch wieder verlassen würde: das Konzentrationslager in Auschwitz.

Dort wartete schwere und auch völlig sinnlose Arbeit auf das zarte Mädchen und immer wieder boten sich ihr schreckliche Bilder: „Auf den Straßen lagen tote Frauen, die in ihrer Verzweiflung in den Stacheldraht gelaufen waren“, sagte sie. Das sei ein Anblick gewesen, den sie nie wieder vergessen werde. „Es gab viele Momente, in denen man sich wünschte, tot zu sein, um die Machenschaften der SS nicht mehr ertragen zu müssen.“

Ihr einziger Hoffnungsschimmer war die Musik: Es gelang ihr, Teil des Orchesters zu werden, in dem sie Akkordeon spielte, obwohl sie das Instrument gar nicht beherrschte. Sie lernte es in Windeseile: „Das war meine Rettung.“ Umso unerträglicher sei es gewesen, dass sie immer dann spielen musste, wenn Züge mit neuen Gefangenen ankamen. „Sie dachten, sie hätten es geschafft und fuhren direkt in die Gaskammern.“

So lange sie als Teil des Orchesters von Nutzen war, wurde sie am Leben gelassen. Kritisch wurde es aber, als die junge Frau krank wurde. „Ich kam in das Krankenrevier. Dort kam man nur als Leiche wieder heraus.“ Doch Bejarano hatte Glück: Der zuständige Arbeitsführer setzte sich dafür ein, dass sie mit Medikamenten versorgt wurde und wieder gesund werden konnte. „Ich überstand den Typhus.“

Doch die nächste Krankheit folgte unmittelbar: Sie bekam Keuchhusten und litt unter einer Avitaminose. „Bei jeder Selektion zitterte ich um mein Leben.“ Sie verheimlichte ihre Erkrankung erfolgreich und wurde wenige Zeit später ins Frauenhaftlager Ravensbrück transportiert, als die Inhaftierten in Auschwitz aufgefordert wurden, sich zu melden, wenn sie arisches Blut in sich trugen. „Immerhin war ich zu einem Viertel arisch.“

In Ravensbrück arbeitete Bejarano fast zwei Jahre für die Siemenswerke – bis Anfang 1945. „Dann wurde den Mischlingen der Judenstern abgenommen und gegen einen roten Winkel getauscht“, erinnerte sie sich. „Natürlich fühlte ich mich weiter als Jüdin.“

Die erlösende Nachricht kam schließlich Ende April: „Uns wurde gesagt, dass wir unter unserer Häftlingskleidung Zivilkleidung anziehen sollten, die Sowjets seien schon in der Nähe.“ Esther Bejaranos nächste Station war das Konzentrationslager Malchow, in dem sie auf sieben Mädchen traf, die sie bereits aus Auschwitz kannte. Als der Gefangenentross weiterzog, schlossen sich die jungen Frauen zusammen und wagten die Flucht: „Wir versteckten uns so lange hinter Bäumen, bis die Gruppe nicht mehr zu sehen war.“

Wenige Zeit später mischten sie sich unter deutsche Flüchtlinge und trafen schließlich auf ihre Retter: „Ein Panzer mit amerikanischen Soldaten kam uns entgegen und brachte uns in den nächstgelegenen Ort.“ Dort gab es in einer Kneipe Essen für die Freundinnen und dann erreichte sie schließlich die erlösende Nachricht: Der Krieg war vorbei! Am Abend feierten Juden mit Amerikanern und Russen, verbrannten ein Bild von Hitler – und Bejarano spielte dazu auf ihrem Akkordeon ein Jubellied. „Das war nicht nur meine Befreiung, das war meine zweite Geburt“, berichtete sie den Visselhöveder Jugendlichen.

Und obwohl mit dieser Zeit ein neues Leben für Esther Bejarano begann: Das Erlebte kann und will sie nicht vergessen. Deswegen fährt sie noch im hohen Alter von Stadt zu Stadt, liest vor und gibt Konzerte mit einer Hip-Hop-Band, um die Jugend zu warnen. Dabei hat sie vor allem eine Botschaft: „Es darf nie wieder passieren!“

 

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Wunden, die niemals heilen

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Holocaust-Überlebende Esther Bejarano in Visselhövede – Von Andrea Zachrau

Visselhövede. Die Zeit heilt alle Wunden heißt es im Volksmund. Für die physischen mag das stimmen. Die psychischen Wunden aber bleiben für immer, wie Esther Bejaranos bewegende Geschichte zeigt. In der Visselhöveder Oberschule berichtete die 89-Jährige von ihrem Leben und Überleben als Jüdin in Nazi-Deutschland.

Mucksmäuschenstill war es in der Schulaula, als Bejarano auf der Bühne Platz nahm. Die Lesebrille zurecht gerückt, begann die Tochter jüdischer Eltern aus ihrem Leben zu erzählen. Oft ist es erheiternd, „Geschichten von früher“ zu hören. Das, was die Hamburgerin aber in leisen Worten berichtete, ließ die Zuhörer erschaudern.

Sie erzählte von ihrer Jugend in Saarbrücken, von ihrem Vater, der Lehrer und Kantor in der jüdischen Gemeinde war, und von dem Moment, in dem ihr klar wurde, dass sich ihr Leben für immer verändern würde. 18 Jahre alt war sie – gerade genauso alt wie die vielen Zuhörer, die ihr jetzt, mehr als 70 Jahre später in der Aula lauschten – als sie vom rettenden Vorbereitungslager, in dem sie auf die Auswanderung nach Palästina gewartet hatte, in einen Viehwagen steigen musste. Der brachte sie an einen Ort, den kaum ein Mensch wieder verlassen würde: das Konzentrationslager in Auschwitz.

Dort wartete schwere und auch völlig sinnlose Arbeit auf das zarte Mädchen und immer wieder boten sich ihr schreckliche Bilder: „Auf den Straßen lagen tote Frauen, die in ihrer Verzweiflung in den Stacheldraht gelaufen waren“, sagte sie. Das sei ein Anblick gewesen, den sie nie wieder vergessen werde. „Es gab viele Momente, in denen man sich wünschte, tot zu sein, um die Machenschaften der SS nicht mehr ertragen zu müssen.“

Ihr einziger Hoffnungsschimmer war die Musik: Es gelang ihr, Teil des Orchesters zu werden, in dem sie Akkordeon spielte, obwohl sie das Instrument gar nicht beherrschte. Sie lernte es in Windeseile: „Das war meine Rettung.“ Umso unerträglicher sei es gewesen, dass sie immer dann spielen musste, wenn Züge mit neuen Gefangenen ankamen. „Sie dachten, sie hätten es geschafft und fuhren direkt in die Gaskammern.“

So lange sie als Teil des Orchesters von Nutzen war, wurde sie am Leben gelassen. Kritisch wurde es aber, als die junge Frau krank wurde. „Ich kam in das Krankenrevier. Dort kam man nur als Leiche wieder heraus.“ Doch Bejarano hatte Glück: Der zuständige Arbeitsführer setzte sich dafür ein, dass sie mit Medikamenten versorgt wurde und wieder gesund werden konnte. „Ich überstand den Typhus.“

Doch die nächste Krankheit folgte unmittelbar: Sie bekam Keuchhusten und litt unter einer Avitaminose. „Bei jeder Selektion zitterte ich um mein Leben.“ Sie verheimlichte ihre Erkrankung erfolgreich und wurde wenige Zeit später ins Frauenhaftlager Ravensbrück transportiert, als die Inhaftierten in Auschwitz aufgefordert wurden, sich zu melden, wenn sie arisches Blut in sich trugen. „Immerhin war ich zu einem Viertel arisch.“

In Ravensbrück arbeitete Bejarano fast zwei Jahre für die Siemenswerke – bis Anfang 1945. „Dann wurde den Mischlingen der Judenstern abgenommen und gegen einen roten Winkel getauscht“, erinnerte sie sich. „Natürlich fühlte ich mich weiter als Jüdin.“

Die erlösende Nachricht kam schließlich Ende April: „Uns wurde gesagt, dass wir unter unserer Häftlingskleidung Zivilkleidung anziehen sollten, die Sowjets seien schon in der Nähe.“ Esther Bejaranos nächste Station war das Konzentrationslager Malchow, in dem sie auf sieben Mädchen traf, die sie bereits aus Auschwitz kannte. Als der Gefangenentross weiterzog, schlossen sich die jungen Frauen zusammen und wagten die Flucht: „Wir versteckten uns so lange hinter Bäumen, bis die Gruppe nicht mehr zu sehen war.“

Wenige Zeit später mischten sie sich unter deutsche Flüchtlinge und trafen schließlich auf ihre Retter: „Ein Panzer mit amerikanischen Soldaten kam uns entgegen und brachte uns in den nächstgelegenen Ort.“ Dort gab es in einer Kneipe Essen für die Freundinnen und dann erreichte sie schließlich die erlösende Nachricht: Der Krieg war vorbei! Am Abend feierten Juden mit Amerikanern und Russen, verbrannten ein Bild von Hitler – und Bejarano spielte dazu auf ihrem Akkordeon ein Jubellied. „Das war nicht nur meine Befreiung, das war meine zweite Geburt“, berichtete sie den Visselhöveder Jugendlichen.

Und obwohl mit dieser Zeit ein neues Leben für Esther Bejarano begann: Das Erlebte kann und will sie nicht vergessen. Deswegen fährt sie noch im hohen Alter von Stadt zu Stadt, liest vor und gibt Konzerte mit einer Hip-Hop-Band, um die Jugend zu warnen. Dabei hat sie vor allem eine Botschaft: „Es darf nie wieder passieren!“